Wie Designer die UX-Reife in Unternehmen fördern können

Sep 3, 2021

UX Designer können den Erfolg eines Produktes massiv beeinflussen. Doch ihre Rolle wird in vielen Unternehmen noch missverstanden, unterschätzt oder nicht vollumfänglich genutzt, weil z. B. Research-Aktivitäten weniger willkommen sind.

Gutes UX Design beruht auf den tatsächlichen Bedürfnissen von Nutzern. Es geht darum, dass das Produkt leistet, was sich User wirklich wünschen und dass sie ihre Aufgaben mit Leichtigkeit erledigen können. Die User Experience umfasst dabei das gesamte Erlebnis, also auch die Erfahrungswerte, Gefühle und Erinnerungen, die User mit dem Produkt verbinden.

UX Designer haben die Aufgabe die Bedürfnisse, das Verhalten und die Empfindungen zu erforschen und die Erkenntnisse samt neuer Lösungsansätze in die Konzeption und Entwicklung einzubringen.

Was viele Stakeholder und Kollegen nicht wissen, die Arbeit von UX Designern hat nur wenig mit „schön machen“ zu tun, visuelles Design ist nur ein Teilbereich ihrer Tätigkeit. Gutes UX Design umfasst Research und das Durchlaufen eines iterativen Design-Prozesses samt User-Tests und Erfolgs-Messungen.

Dieses Missverständnis gehört aus der Welt geschafft, damit wirklich gute UX entstehen kann. UX Designer können dabei helfen, indem sie ihre Kollegen aufklären und für UX Design sensibilisieren.

UX Designerin im Austausch mit Kollegin

1. Stakeholder für die Wichtigkeit von Research-Aktivitäten & einen Design-Prozess sensibilisieren

Eine gute User Experience kann nur entstehen, wenn die Bedürfnisse und Verhaltensweisen der tatsächlichen Nutzer bekannt sind und ausreichend Berücksichtigung finden. Um diese zu ergründen braucht es regelmäßig Kontakt zu Usern und das Anwenden von Research-Methoden und -Techniken.

Research-Aktivitäten sind Teil eines Design-Prozesses, der je nach Unternehmen individuell ausfällt. Er stellt sicher, das Lösungen schnell, gezielt und gemeinschaftlich erarbeitet werden und das Business-, Produkt- und User-Anforderungen gleichermaßen in die Lösungsfindung einfließen.

So können die einzelnen Schritte eines Design-Prozesses aussehen:

  • Definition der Business- & Produkt-Ziele und -anforderungen
  • Durchführung und Auswertung von Research-Maßnahmen
  • Definition der User-Ziele und -anforderungen
  • Entwicklung von Ideen und Wireframes
  • Internes Feedback, ggf. erste Tests mit Usern
  • Entwicklung von Prototypen und UX Texten
  • Tests und Usability Checks mit darauf folgender Überarbeitung der Designs und Texte
  • Beginn der Entwicklung
  • Qualitätssicherung & Tests (Bugs & Usability)
  • Optimierung und Auslieferung des Produkts
  • Retrospektive: Best practices
Ohne Research-Maßnahmen und einen Design-Prozess kann keine gute UX entstehen. Management und Stakeholder sollten erfahren, das jegliches Abweichen davon negative Auswirkungen auf das Ergebnis hat.

Ein Design-Prozess sollte regelmäßig auf Wirksamkeit und Schwachstellen überprüft und entsprechend optimiert werden.

2. Sharing von Erkenntnissen & Ideen mit allen Kollegen

Das Teilen sämtlicher Ergebnisse und der einzelnen Entwicklungen fördert ein besseres Verständnis für die Arbeit von UX Designern. Es lässt alle Interessierten teilhaben und fördert das Engagement sich einzubringen und wertvollen Input zu liefern. Insbesondere entwickeln Kollegen dadurch auch Empathie gegenüber den Usern.

Hier 4 Tipps, wie Erkenntnisse, Ideen und die einzelnen Schritte der Entwicklung geteilt werden können:

User Personas unternehmensweit als Papp-Aufsteller präsentieren

Eine digitale Präsentation von User Personas kann schnell vergessen sein. Manchmal sind andere Mittel prägnanter und wecken mehr Interesse. User Personas können beispielsweise als lebensgroße Papp-Aufsteller in Unternehmen platziert werden – dort positioniert, wo Kollegen häufig vorbeigehen und sie wahrnehmen. Alternativ können auch Tisch-Aufsteller für einen längeren Zeitraum in Meeting-, oder sonstigen gemeinschaftlich genutzten Räumen platziert werden.
Illustration eines lebensgroßen Papp-Aufstellers
Personas als lebensgroße Papp-Aufsteller im Unternehmen platzieren

„UX Wall“ mit Insights einrichten

Mit einer „UX Wall“ ist ein großes Pinn-, Whiteboard, o.ä. gemeint. Sie ermöglicht das Pinnen von User Personas, Flow Diagrammen, Scenarios, Wireframes, Testergebnissen (KPIs), etc. auf einen Blick. Auch die UX Wall sollte dort platziert sein, wo viele Kollegen sie wahrnehmen und anschauen können.

Illustration einer UX Wall, die von 2 Personen betrachtet wird
Wall mit UX Erkenntnissen & Arbeiten zum Anschauen und Verstehen

Rechner-Station zum Testen von Prototypen

Eine Laptop- oder Rechner-Station, an dem aktuelle Prototypen von Kollegen getestet werden können, lässt sie am UX-Prozess teilhaben und das führt meist zu wertvollem Feedback.
Illustration einer Rechner-Station zum Testen von Prototypen
Laptop- oder Rechner-Station zum Testen von Prototypen

Kollegen zu UX Workshops einladen

Lade Kollegen, auch aus UX-fernen Abteilungen zu Workshops ein (Card Sorting, Mappings, Wireframing…). Das hilft andere Perspektiven einzubeziehen und eine Vielzahl von Ideen zu sammeln. Gleichzeitig nehmen die Kollegen direkt am Entwicklungsprozess teil und gewinnen so einen besseren Eindruck, was UX Design eigentlich bedeutet.
Illustration eines UX Workshops mit mehreren Teilnehmern
Workshops mit Kollegen

3. Enge Zusammenarbeit mit Stakeholdern und kollaborative Workshops

Stakeholder sollten in die Lösungsfindung einbezogen werden. Das führt zu schnellen Ergebnissen, bei denen alle involviert sind und übereinkommen. Ein weiterer Vorteil ist, dass bei einer engen Zusammenarbeit von Management, Produkt-, Entwickler- und UX-Teams viele Aspekte schon bei der Ideenfindung berücksichtigt werden.

„Design Studios“ sind kollaborative Workshops, die das Ziel haben, möglichst schnell viele Ideen in der Konzeptions-Phase zu sammeln. Stakeholder und Kollegen werden in 3-4 Teams aufgeteilt und skizzieren in Teams ihre Ideen, um die Weiterentwicklung voran zu treiben.

Vor dem Start eines „Design Studios“ sollten UX Designer Vorbereitungen treffen:

  • Ein Briefing erstellen, das über die Persona(s), ggf. über User-Feedback und das zu optimierende Objekt (z. B. die Suchfunktion) aufklärt und das zur Inspiration auch aufzeigt, welche Elemente bei den simplen Skizzen zum Einsatz kommen können (Kästen, Linien, Pfeile…)
  • Mehrere Aufgaben (Tasks, Focus Areas) zu dem Objekt erstellen, die die Teams in ihren Skizzen optimieren sollen (z. B. Suche nach Marke XY und Filtern der Ergebnisse nach Farben)
  • Die Anzahl der Sketching-Runden (ø 5-6) festelegen
  • Das Ziel pro Runde definieren (z. B. 1. Runde: schnelle Skizzen, 2. Runde: auch schnelle Skizzen, 3. Runde: beste Ideen nehmen, optimieren und Details ausarbeiten, 4. Runde: Gruppen präsentieren ihre Ergebnisse, 5. Runde: alle voten für die beste Idee, 6. Runde: beste Idee wird gemeinsam skizziert, inklusive von Details und Beschreibungen)
  • Die Zeiten für die Runden festlegen (Speed-Runden ca. 10 min, Ausarbeitungs-Runden ca. 30 min, Präsentations-Runden auch ca. 30 min, Voting ca. 15 min)
  • Zwischen den Runden Pausen und Diskussionsrunden innerhalb der Teams einplanen (z. B. vor der 3. Runde, Ausarbeitung der besten Ideen innerhalb der Teams)
  • Ausreichend Stifte in verschiedenen Farben, Papiere und Post its bereitstellen

Die Ergebnisse werden im Anschluss dokumentiert.

4. Stakeholder als stille Zuhörer zu User-Interviews und -Tests einladen

Es lohnt sich Stakeholder als stille Zuhörer zu User-Interviews und -Tests einzuladen. Wenn Stakeholder selbst erleben können, was Nutzer sich wünschen oder wie sie mit dem Produkt interagieren, entwickeln sie Verständnis für die Nutzer und das ist bei der Entwicklung von gemeinsamen Lösungen sehr hilfreich.

Die Teilnahme von stillen Zuhörern erfordert das Einverständnis der zu interviewenden oder zu testenden Personen und die Stakeholder sollten davon absehen sich ins Geschehen einzuklinken, denn das könnte die Teilnehmer verunsichern.

Illustration eines Usability Tests mit mehreren Zuschauern
Stakeholder als Zuhörer bei Usability Tests

5. Erfolge messen, präsentieren und gemeinsam feiern

Analysen und Erfolgsraten sind ein verständliches Mittel um zu zeigen, dass nutzerorientiertes Design profitable ist. Messdaten helfen außerdem, dass sich alle Beteiligten auf die Ziele und den Fortschritt konzentrieren und es zeigt, dass sich ihre Ziele realisieren lassen.

KPI’s & Erfolge, die präsentiert werden können:

  • Steigerung von Traffic
  • Mehr Nutzerzahlen
  • Zunahme der Kundentreue
  • Umsatzsteigerung
  • Steigerung der Conversions
  • Bessere Kundenzufriedenheit (z. B. via Rezensionen, Likes…)
  • Weniger Support-Anfragen
  • Reduzierte Entwicklungszeit und -kosten
  • MVP matcht mit den Nutzerbedürfnissen
  • Weniger Korrekturen / Überarbeitungen
  • Verbesserungen gegenüber dem Wettbewerb

Das Feiern von erreichten Zielen und Erfolgen ist ein wichtiger Teil der Selbstreflexion. Es setzt einen Punkt hinter das, was bsi dato erarbeitet wurde und lässt nach vorne blicken. Es motiviert und fördert den Zusammenhalt im Team. Also, hoch die Tassen. 🍻

Illustration einer Präsentation von Analysen und Metriken
Präsentieren von Analysen, Auswertungen und des ROI

Mit diesen 5 Tipps können UX Designer einen Beitrag dazu leisten, dass der Entwicklungsprozess einer richtig guten User Experience besser verstanden wird und mehr Aufmerksamkeit bekommt. Denn erfolgreiches UX Design ist maßgeblich davon abhängig, wie es in Unternehmen verstanden und gelebt wird. Diese Aufgabe lässt sich nicht allein an eine Rolle oder Abteilung übertragen. Es braucht enge Zusammenarbeit und ein unternehmensweites Verständnis für die Bedeutung und Entwicklung einer guten UX-Reife.

Portrait Su Wiemer

Hi, ich bin Su, Senior UX Designerin. Ich entwickle und schreibe über Lösungen für digitale Produkte, die Nutzer begeistern. Ganz nach dem Motto #makeusershappy.

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